Hertha – St. Pauli

Am Montag war ich mit der tollsten Frau vonne Welt bei St. Pauli im Berliner Olympiastadion.

Stadion

Seit Jahren würde ich gerne mal wieder St. Pauli spielen sehen. Gefühlt haben sich Hertha und St. Pauli immer wieder verpasst, jede Saison in verschiedenen Ligen gespielt. Vermutlich hab ich es in Wirklichkeit nur öfter mal verpennt, rechtzeitig Karten zu bestellen. Das wollte ich diesmal besser machen.

Auch als Berliner muss man die Karten für den St.-Pauli-Block in Hamburg bestellen. Ich hatte das schon vor Monaten angeleiert. Einige Wochen vor dem Spiel kam dann die Nachricht, dass uns Karten zugeteilt worden sind. Und das Spiel wurde auf Montag abend gelegt. Am Wochenende wär es zwar bequemer gewesen, aber das umgebaute Olympiastadion unter Flutlicht ist schon eine schöne Sache, deshalb habe ich mich über den Termin eher gefreut.

Die tollste Frau vonne Welt interessiert sich nicht übermäßig für Fußball, war aber im Gegensatz zu mir schon mal im Millerntor-Stadion – worum ich sie beneide. Am Tag des Spiels kam aber auch bei ihr das Fußballfieber auf, als alle vom Spiel sprachen. Und sie hat festgestellt, dass der Berliner im allgemeinen eher Hertha- als St.-Pauli-Anhänger ist.

Ich kam ganz gemütlich aus Spandau, während sie von einer überfüllten S-Bahn aus der anderen Richtung ausgespuckt wurde. Nach einem Aufwärmbier haben wir uns auf den Weg ins Stadion gemacht. Dabei kamen wir an einem halben Dutzend Polizeipferde vorbei. Die sollen im Einsatz schon ziemlch beeindruckend und wirkungsvoll sein. Normale Pferde erschrecken sich ja schon, wenn eine Plastiktüte herumflattert. Sehr erstaunlich, dass die Ausbilder diese Pferde dazu bringen, in einer aufgebrachten Menschenmenge Ruhe zu bewahren. Sie waren auch dementsprechend geschützt, mit Gamaschen, Knieschützern und durchsichtigem Visier.

Die Fans waren nicht strikt voneinander getrennt, die Sicherheitslage scheint also selbst bei Hertha gegen St. Pauli nicht mehr so schlimm zu sein. Die Eingangskontrolle war ulkig: Ich wurde gründlich abgetastet und musste vorzeigen, was ich da Hartes in der Hose hatte (mein Handy). Aber mein Rucksack wurde nur oberflächlich untersucht; da hätte ich locker ein Klappmesser drin reinschmuggeln können. Wenn ich eins hätte.

Als wir in den Innenraum kamen, wurde mir bewusst, dass ich viel zu lang nicht mehr im Stadion war. Die Aufregung und Vorfreude auf das anstehende Spiel mischt sich mit einem Gefühl, das ich wohl niemandem vermitteln kann, der nicht als kleiner Junge (oder Mädchen) mit ins Stadion genommen wurde. Terry Pratchett beschreibt das klasse in seinem Roman „Der Club der unsichtbaren Gelehrten“. Auf der Scheibenwelt ist es der Geruch nach schlechten Pasteten (bei uns fettige Bratwurst) und Bier (bei uns Bier), es ist die Menge, die Aufregung, die Begeisterung, diese Mischung, die sich damals in das Kinderhirn gebrannt hat…

Fanblock

Der St.-Pauli-Block sah ausverkauft aus, und das an einem Montag Abend. Man könnte fast meinen, an dem Gerücht, dass St-Pauli-Anhänger alle arbeitslos wären, könnte was dran sein. Oder es gibt doch einige Berliner wie mich, die zu diesem Spiel lieber in die Auswärtskurve gehen. Früher sangen die Herthafans über St. Pauli: „Ihr seid Zecken, asoziale Zecken, ihr schlaft unter Brücken oder in der Bahnhofsmission!“ (Melodie: It’s A Heartache, Bonnie Tyler). Die Pauli-Fans haben das eingesehen und singen das Lied inzwischen über sich selbst. Großartig.

Vor dem Spiel gab es eine Schweigeminute für den früh verstorbenen ehemaligen Hertha-Spieler Alex Alves. Ich finde es gut, dass Hertha seines ehemaligen Spielers gedenkt, und dass das Schweigen vorbildlich eingehalten wurde. Und ich hätte anstelle des Vereins wohl auch nur lobende Worte sprechen lassen. Aber als Privatmann, der denkt, dass man auch über Tote nichts als die Wahrheit sagen sollte, möchte ich schon daran erinnern, dass Alex Alves bei Hertha nie so richtig angekommen war. Hier ein Beitrag zu seinem Weggang von Hertha BSC. Damit möchte ich nichts gegen Alves als Person gesagt haben – ich kannte ihn ja nicht.

Fußball gespielt wurde natürlich auch noch. Ich hatte mit einer klaren Niederlage gerechnet. St. Pauli hat aber bis zur 85. Minute das 0:0 halten können. Hervorzuheben ist dabei Torwart Tschauner. Wenn bei St. Pauli Manuel Neuer in der Form vom Wochenende im Tor gestanden hätte, sie hätten früher zurückgelegen. Nach vorne ging dagegen wenig. Mal fehlte scheinbar das Selbstvertrauen, häufig die Passgenauigkeit, meist die Kreativität. Dennoch erarbeitete sich auch St. Pauli ein paar Chancen. Die vielleicht größte nach dem 1:0 durch Ben Sahar in der 85. Minute, als Sebastian Schachten nur den Pfosten traf. Wie üblich bei einem Rückstand musste man in den letzten Minuten Angst um die Fitness des gegnerischen Torhüters haben, der beim Abstoß fast einzuschlafen schien, und um die Feldspieler, die bei jeder Berührung halbtot umfielen. Aber so ist das halt im Fußball …

Natürlich ist es enttäuschend, wenn man so spät den Gegentreffer kassiert. Aber wenn der Tabellen-Elfte beim Zweiten antritt und auch nach dem Spielverlauf kann man sich über das Ergebnis nicht beklagen. Ruhig und ohne Zwischenfälle zwischen den Fangruppen ging es dann mit den üblichen S-Bahn-Problemen nach Hause.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.