City in Motion

Unser Urlaub in den Polarkreis führte uns in die nördlichste Stadt Schwedens, Kiruna (das spricht man so aus). Die Stadt entstand gegen 1900 aus einer Arbeitersiedlung der benachbarten Eisenerzmine.

Blick von der Stadt zum Minenberg Kiirunavaara

Bis heute ist die Mine der zentrale Wirtschaftsfaktor der Stadt. Es wird jeden Tag im Jahr rund um die Uhr gearbeitet. Jede Nacht wird gesprengt, so dass es in der Innenstadt zu hören und zu spüren ist. Das stärkste Lokomotivmodell der Welt schleppt bis zu 68 Waggons voll Erz durch die Berge bis zum Hafen in Narvik, Norwegen – der gewählt wurde, weil er das ganze Jahr hindurch eisfrei ist. Die Betreiberfirma LKAB, zu 100% in Hand des Staates Schweden, hat 2010 bei einem Umsatz von 3,4 Milliarden Euro knapp 1,5 Milliarden Euro Gewinn gemacht.

Allerdings gibt es ein Problem. Die vier Kilometer lange und durchschnittlich 80 Meter breite Erzschicht, die mindestens zwei Kilometer in die Tiefe führt, ist geneigt. Je tiefer gegraben wird, desto näher kommt man der Stadt. Bei der Ausbeutung der Mine entstehen Lücken, in die Gestein nachrutscht. Dementsprechend kommt das Gebiet, in dem man vor Erdrutschen nicht mehr sicher ist, der Stadt immer näher.

In einer Broschüre beschreibt die LKAB ihr satellitengestütztes System zur Erkennung minimaler Abweichungen. Sie schreiben, dass sich eine drohende Spalte als erstes an einem Strich auf dem Boden zeigt, der aussieht, als hätte jemand ein Stöckchen über die Erde gezogen. Klingt gut. Allerdings ist der Mine vor einer Weile ihre Zufahrtsstraße weggerutscht, und sie haben in großem Bogen eine neue bauen müssen…

Aber weil die Mine das Überleben der Stadt sichert, und weil sie soviel Gewinn abwirft, und weil sie in Händen des Staates ist, kann man etwas tun, was es in dieser Größenordnung weltweit noch nicht gab: Die Stadt wird „verschoben“. Nicht auf einmal. Aber im Laufe der Zeit.

Ein neues Stadtzentrum soll fünf Kilometer östlich entstehen. Im südwestlichen, der Mine zugewandten Teil der Stadt ist der „Minenstadtpark“ (Gruvstadspark) entstanden, der im Laufe der Zeit wachsen wird. Die Häuser, die abgerissen werden, wird man an anderer Stelle durch gleichwertigen Wohnraum ersetzen. Bedeutende Gebäude wie das Rathaus sollen wohl sogar wieder aufgebaut werden.

Wir haben in der Stadt keinen Protest gegen die Verlegung zu sehen bekommen. Vielleicht ist Kiruna dafür zu sehr in den Händen der Mine. Nur in einem Nachbarort in einer Kirche hing ein Plakat, das sich kritisch mit den Plänen auseinandersetzte.

 

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