Quo vadis, Linux?

Ich verwende Linux seit etwa 14 Jahren auf dem Desktop. Das war nicht immer vergnügungssteuerpflichtig, gerade zu Beginn. Allerdings war der Auslöser für meinen endgültigen Umstieg, dass Windows 98 auch nicht gerade benutzer-freundlich zu mir gewesen war.

Ich hatte einen Treiber installiert; wenn ich mich richtig erinnere für einen Scanner. Das hat nicht richtig geklappt, also habe ich ihn wieder deinstalliert. Danach hat mich Windows im Textmodus begrüßt. Ich sollte eine Taste drücken. Daraufhin schaltete es in den Grafikmodus um, nur um mir mitzuteilen, dass ich den Computer nun ausschalten könnte. Ich fühlte mich von meinem Rechner verarscht.

Ich weiß… die Hauptschuld daran trug Windows vermutlich gar nicht. Man kann wohl jedes System mit einem kaputten Treiber in die Knie zwingen. Aber für mich war es der Anstoß, es noch einmal mit Linux zu probieren. Ich habe mir das billigste gekauft, das ich beim Linux-affinen Buchladen Lehmanns gefunden habe: Debian. Ein Wechsel, den ich nie bereut habe.

Anfangs war es eher mühselig. Aber ich bin am Ball geblieben. Früher habe ich tatsächlich, wie man sich das als Windows-Nutzer vielleicht vorstellt, öfter mal einen Kernel selbst kompiliert. Die Zeiten sind aber lang vorbei. Das ist mir letztens aufgefallen, als ich dann doch einmal ein Kernel-Modul für einen DVB-T-Stick kompilieren musste. Es war inzwischen sehr ungewohnt. Aber ich kann im Notfall das System weitgehend beeinflussen, wenn es denn sein muss.

Inzwischen ist Linux sehr verbreitet. Über 90% der 500 schnellsten Computer der Welt laufen unter Linux, je nach Schätzung die Hälfte bis zwei Drittel aller Webserver, und auch die Mehrheit der verkauften Smartphones läuft unter Android, einem Linux. Aber dazwischen, auf dem Desktop, ist Windows weiterhin der Standard.

Ich glaube, dass Menschen, die sich mit Computern gut auskennen, keine größeren Probleme mit Linux haben sollten. Außer, sie benötigen Spezialprogramme, die es nur unter Windows gibt. Außerdem denke ich, dass Menschen, die sich sehr wenig mit Computern auskennen, mit Linux nicht mehr Probleme haben werden als mit Windows. Sind sie in der Lage, ihr Linux zu administrieren? Kaum – aber das sind sie bei Windows auch nicht! Viele, vielleicht die Mehrheit der Computernutzer ist überfordert, wenn etwas schiefläuft, ganz unabhängig davon, welches System es ist. Sie brauchen dann jemanden, der sich „mit Computern auskennt“. Da ist allerdings ein Vorteil von Windows, dass sich dafür leichter jemand findet, der es wieder hinbiegen kann.

Dazwischen gibt es dann die, die sich eigentlich nicht mit Computern, sondern nur so halbwegs mit Windows auskennen. Für die ist Linux die falsche Wahl, solange sie nicht gewillt sind, sich da einzufuchsen (wie sie es auch bei Windows getan haben) und die vorhandenen Unterschiede zu akzeptieren. Es gibt unter Linux kein MS Word, kein Photoshop, kein Nero und keinen Internet Explorer. Stattdessen gibt es LibreOffice Writer, Gimp, K3B und Firefox (und viele Alternativen). Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit wenig bis nichts vermissen und er kann Neues entdecken.

Was aber bisher ein sehr dünnes Feld war, sind Spiele unter Linux. Es gibt Open-Source-Spiele. Aber ein modernes Spiel zu kreieren ist in vielen Fällen ein sehr hoher Aufwand, den Open-Source-Programmierer so kaum leisten können.

Ab 1998 gab es den Versuch der Firma Loki, Spiele nach Linux zu portieren. Der Versuch ist damals an mir vorbeigegangen. Vielleicht war ich auch nicht bereit, Geld für Linux-Software auszugeben. Was schade wäre, denn für Windows-Spiele habe ich ja auch Geld ausgegeben. Die Website von Loki ist noch immer im Netz. Hier findet sich die durchaus beachtliche Liste von Spielen, die sie portiert haben, darunter Civilization: Call to Power, Descent³, Quake III, Railroad Tycoon II und Sim City 3000. Anfang 2002 war der Versuch dann gescheitert, und so schnell hat es sich niemand mehr getraut.

Erst 10 Jahre später trat Valve, der Betreiber einer großen Internet-Platform für Spiele namens Steam, auf den Plan. Was war geschehen?

Microsoft, unter dessen Betriebssystem Steam seit Jahren erfolgreich lief, hat Windows 8 herausgebracht. Windows 8 ist in verschiedenen Varianten erhältlich, und alle haben eine Anbindung an einen „App Store“. Unter der „RT“-Variante für ARM-Prozessoren kann man sogar ausschließlich über diesen App Store Programme installieren. Damit hat Microsoft bald die Möglichkeit, jedem Windows-Nutzer direkt Software zu verkaufen und kann damit in Konkurrenz zu Valve treten. Gabe Newell, Chef von Valve und früherer Microsoft-Mitarbeiter, sagte dazu, das sei eine Katastrophe für die Branche und dass Windows-Nutzer Windows 8 „hassen“ würden.

Aber er blieb nicht untätig. Er ließ Steam nach Macintosh und Linux portieren. Außerdem ist man dabei, Valves eigene Spiele unter Linux zum Laufen zu bringen. Vor kurzem sind Half Life 1 und Counter Strike Source erschienen. Nicht die neusten Spiele unter der Sonne, aber manche sind mit Counter Strike schon rundum glücklich.

Ich habe noch Schwierigkeiten, mir vorzustellen, dass viele Entwickler auf den Zug aufspringen. Der Marktanteil von Linux auf dem Desktop ist gering, und die meisten, die Linux verwenden und spielen wollen, werden wie ich noch ein Windows parallel laufen haben. Dementsprechend dürfte der Vorteil, den die Hersteller sich von einer Linux-Version versprechen können, nicht groß sein. Den Aufwand für eine Portierung kann ich nur schwer einschätzen. Vorraussetzung dürfte sein, dass die Spiele-Engine unter Linux schon läuft. Valves eigene Engine Source ist portiert, und über die Unreal-Engine und die CryEngine sagt man, dass sie laufen würden. Wie hoch ist dann noch der Aufwand pro Spiel? Schwer zu sagen. Pessimistisch stimmt mich The Cave, das für Linux angekündigt ist, das ich auch schon im Vorverkauf bestellt habe, das aber mehrere Wochen nach der Veröffentlichung für Windows noch immer nicht fertig ist. Andererseits hoffe ich, dass es mit jedem veröffentlichten Spiel etwas einfacher wird, weil die Probleme so langsam ausgemerzt werden…

Valve selbst hat offensichtlich ein Interesse am Standbein Linux. Gerüchten zufolge wollen sie eine eigene Spielkonsole herausbringen, die dann auch unter Linux laufen könnte. Ich könnte mir ja vorstellen, dass Valve das Thema ein wenig anschiebt. Sie könnten bei Linux-Verkäufen etwas weniger vom Geld einbehalten oder die Portierung unterstützen. Das ist aber nur Spekulation, bekannt geworden ist mir da nichts.

Die Linux-Spieler-Gemeinde ist jedenfalls entzückt. Einer schrieb in einem Forum sogar, dass er nicht nur jedes Spiel kauft, das für Linux erscheint, sondern extra darauf achtet, dass er keine Sonderangebote erwischt.

Was fehlt, ist das erste „große“ (sogenannte „AAA-„) Spiel, das auch unter Linux läuft, nicht einen riesigen Support-Aufwand durch viele verschiedene Linux-Konfigurationen erzeugt und sich so für den Hersteller auszahlt. Für mich und diverse andere, die sich in den Steam-Foren äußern, wäre Linux-Unterstützung ein wichtiges Krauf-Kriterium. Aber ob das den Aufwand rechtfertigt…?

Nachtrag: The Cave ist dann doch noch fertig geworden.

3 Gedanken zu „Quo vadis, Linux?“

  1. Und jetzt haben wir Auskunfts-Wikipedianer Dich an Steam verloren?
    Oder machst Du nur Urlaub?
    Gruß, der, der den N23.4 gekillt hat und auch gegen ich_fahre_hummer vorging (so gut man das als Nicht-Admin und IP eben kann)

    1. Ich weiß es nicht, irgendwie hatte ich letzter Zeit nicht mehr viel Lust auf die Auskunft…
      Aber an Steam liegt’s jedenfalls nicht…

      PS: So werd ich doch gern gestalket. :o)
      PPS: Na doll, WordPress hat meinen eigenen Kommentar als Spam markiert… X)

      1. LOL. Meine E-Mail-Adresse hast Du ja im Logfile. Falls Du Lust auf ein Real-Life-Treffen hast, ich bin Anfang April mal für 2 Tage in Berlin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.