Angst am Gerät

Mein Computer hat mir Angst gemacht. Ich kannte das Gefühl. Damals hatte mir ein Kollege erzählt, dass er nachts allein am PC gesessen und mit Kopfhörern Doom 3 gespielt hatte – und dass es ihm richtig Angst eingejagt hat. Ehrlich gesagt hab ich mir gedacht: Weichei. Ich hab mir das Spiel dann auch gekauft. Ich hatte gute Erinnerungen an Castle Wolfen­stein, das erste Doom, das erste Quake, … Ich hab mich abends hingesetzt, Kopfhörer aufgesetzt und losgespielt. Das Spiel bringt einen allein auf eine einsame Basis irgendwo im Weltraum, mit Passagen, in denen nichts passiert, und dann wieder Schockeffekten. Was soll ich sagen? Ich war froh, als ich tot war, und habe schnell die Kopfhörer abgenommen. Ich weiß nicht, ob ich das Spiel nochmal angefasst habe, aber ich habe es jedenfalls nie zu Ende gespielt. Und nun ging es mir mit Amnesia – The Dark Descent ähnlich.

Dabei hatte mich das Spiel sogar gewarnt. Man solle es nicht spielen, um zu gewinnen, sondern sich in die Welt hineinversetzen. Man soll es bei wenig Licht und mit Kopfhörern spielen. Man muss auch vorher die Bildschirmhelligkeit anpassen, auf dass es ja nicht zu hell (oder ganz schwarz) wird. Und man bekommt gesagt, dass man in diesem Spiel Gegner nicht dadurch loswird, dass man ihnen ein Stuhlbein über den Kopf zieht. Renn! Versteck dich! Sei ruhig! Bevor es losgeht, sollte man, falls man unter Steam spielt, die Steam-Benach­richti­gungen ausschalten. Außerdem ist die Sprachausgabe in Englisch, ich habe daher lieber deutsche Untertitel aktiviert.

Wir erwachen in einem Schloss und bekommen mit, dass wir Daniel heißen und einer roten Spur folgen sollen. Bald finden wir einen Brief, den Daniel an sich selbst geschrieben hat: Dass wir absichtlich ein Mittel genommen haben, um das Gedächtnis zu verlieren und gewisse Erinnerungen auszulöschen. Dass wir in das innere Heiligtum des Schlosses vordringen und dort einen Baron Brennenburg töten müssen. Und dass etwas hinter uns her ist. Etwas, das wir nicht bezwingen können…

Amnesia
Licht ist knapp im Schloss Brennenburg

Das Spiel zeigt uns unsere körperliche und geistige Gesundheit. Mit der körperlichen hatte ich kaum Probleme: Meist war ich leidlich fit – manchmal tot. Die geistige Gesundheit Daniels ist aber fragil. Zu wenig Licht schadet ihr, und Licht ist knapp im Schloss Brennenburg. Es gibt Zunderbüchsen zu finden, mit denen man die großzügig verteilten Kerzen und Fackeln anzünden kann. Außerdem findet man Öl, mit dem man eine Weile eine Lampe in der Hand brennen lassen kann. (Das Öl kommt nicht von allein in die Lampe, man muss dazu im Inventar das Ölfläschchen mit der Lampe kombinieren.) Beides ist Mangelware im Schloss, daher muss man öfter mal im Dunklen herumschleichen. Außerdem könnte zu viel Licht… Neugier wecken, die man lieber nicht wecken möchte.

Auch die Geräuschkulisse ist der geistigen Gesundheit Daniels und dem Nervenkostüm des Spielers abträglich. Und gelegentliche Effekte wie ein Beben des Schlosses oder eine Tür, die plötzlich aufspringt, tun ihr Übriges. Leidet die geistige Gesundheit Daniels, so leidet zuerst unsere Sicht und später auch die Koordination. Spannend fand ich, dass Daniels geistige Gesundheit mit meiner eigenen zu korrelieren schien. Zum einen, weil mich dasselbe nervös gemacht hat, was auch die Spielfigur leiden lies, und zum anderen wohl auch, weil eine nervöse Spielfigur mit ihrer gestörten Sicht und dem wackeligen Gang mich zusätzlich beunruhigt hat.

Wir schleichen also durch das Schloss; dringen immer tiefer vor. Beunruhigendes geht vor sich und aus Briefen, Tagebüchern und gelegentlichen visionsartigen Erinnerungen können wir mit der Zeit die ebenfalls beunruhigende Vorgeschichte rekonstruieren. Wir lernen zu verstehen, warum wir vergessen wollten, und auch, warum der Baron sterben soll. Aber darüber möchte ich nicht zu viel verraten.

Auf dem Weg stoßen wir natürlich auf Hindernisse. Maschinen müssen repariert, Tränke gebraut, Türen geöffnet werden. Die Rätsel sind logischer Natur, und man weiß meist, warum man etwas tut – was mir bei Adventuren nicht immer so geht. (An einer Stelle gibt es ein Übersetzungsproblem: Eine Brücke muss nicht „angehoben“ werden; es reicht ein kräftiger Stoß.) Doch als Adventure ist das Spiel kein Meisterwerk. Auch die grafische Umsetzung ist nicht besonders gut; manche Texturen sind sehr schlecht aufgelöst. Die häufigen Ladebildschirme könnten einen ebenfalls stören. Gelungen fand ich hingegen die „physische“ Steuerung. Will man eine Schublade herausziehen, klickt man sie an und zieht die Maus. Zum Zurückschieben schiebt man die Maus zurück. Will man eine Kurbel drehen, bewegt man die Maus im Kreis. Das alles funktioniert intuitiv und trägt ein Stück mit dazu bei, sich mehr in die Welt von Amnesia versenken zu können.

Aber das Besondere an diesem Spiel sind die Gefühle, die es im geneigten Spieler auslösen kann. Es wäre falsch, zu schreiben, dass es gruselig gewesen wäre. Ich hatte Angst. Ich hatte Panik. Ich hatte mehrmals eine Gänsehaut an Armen und Beinen. Ich war froh, als ich den Kopfhörer abgenommen hatte, weil es doch an der Zeit wäre, ins Bett zu gehen. Aber ich habe am nächsten Abend wieder gespielt. Und am übernächsten. Dann habe ich beschlossen, dass das Spielen im Dunklen mit Kopfhörern einfach zu viel Angst in mir auslöst. Ich habe tagsüber und mit Lautsprechern weitergespielt. Das war immer noch gruselig, aber im Rahmen. Das Finale habe ich dann wieder so genossen, wie die Autoren es sich gedacht haben.

Ob diese Beschreibung eine Empfehlung für das Spiel ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mir hat es ein Erlebnis beschert, an das ich mich länger erinnern werde als an viele andere Spiele.

2 Gedanken zu „Angst am Gerät“

  1. Ich spiele keine Computerspiele und hierher bin ich nur auf Grund des hervorragenden Titels gekommen – Angst am Gerät. Finde deine Rezension aber sehr unterhaltsam. Danke Dir.

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