Warum ich… nun auch ein Smartphone habe

Mein Beitrag von 2014 darüber, warum ich noch kein Smart­phone habe, ist einer der Dauerbrenner meines Blogs. Er hat 150 Leser pro Monat, mit Such­an­fragen von „welche menschen brauchen kein smart­­phone?“ über „wie erkläre ich älteren menschen wofür ein smart­­phone ist“ bis hin zu „ich will kein smart­phone“ . Es ist auch der meistkommentierte deutschsprachige Beitrag hier.

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Ich bin versucht zu schreiben, dass ich bis vor kurzem „durch­ge­hal­ten habe“. Aber… wie das klingt… Ist man einem Druck ausgesetzt, sich ein Produkt zu kaufen? Ja, ist man.

Meine Tante hat mich bei einer Familienfeier gefragt, was ich für ein Handy habe. (Gerade bei einem Informatiker scheinen die Leute da ja dolle Dinge zu erwarten.) Als ich mein Sony-Dumb­phone, das W200i, gezeigt habe, war das Gelächter groß. Aber dann hat sie ge­sagt, ich solle mal zeigen, was ich wirklich für ein Handy habe. Und ich musste ihr erklären, dass das wirklich mein einziges Handy ist.

Es wird also sozialer Druck ausgeübt. Die Menschen reagieren un­gläubig und verständnislos darauf, wenn man kein Smartphone hat. Aber damit komme ich klar. Bin ich halt anders als andere, in dieser Beziehung. Sind wir nicht alle total individuell, heutzutage…?

Ich habe weiterhin ab und zu Leute gefragt, wofür sie ein Smart­phone haben. Viele schienen die Frage kaum zu verstehen. Manche fanden sie seltsam oder lustig. Wenige hatten interessante Ant­wor­ten. Ein Kollege meinte, man kann un­ter­wegs nachschauen, wie man weiter­kommt, wenn der öffent­liche Personennahverkehr mal wie­der nicht rund läuft. Da musste ich ihm Recht geben. Seine Reaktion hat mich überrascht: Er hatte wohl er­wartet, wenn ich erst irgend­einen Nutzen an einem Smartphone erkannt hätte, würde ich mir sofort eins be­sor­gen.

Nun ist es ja nicht so, dass ich nicht bemerkt hätte, dass ein Smart­phone gelegentlich nützlich sein kann. Sowohl Internet unterwegs als auch eine Kamera, die man ständig bei sich hat, können nett sein. Es hat mich aber nicht überzeugt, dafür ein paar hundert Euro ge­schwei­ge denn ein Abo für mobiles Internet zu bezahlen. Außerdem, und das fehlt in meinem alten Artikel gänzlich, gibt es auch ein Argu­ment gegen Smartphones: Man macht sich damit schnell über­wach­bar, wie es sich der Große Bruder aus „1984“ nur in seinen feuchten Träu­men vorstellen könnte. Ich musste den Kollegen daher ent­täuschen: In seltenen Fällen eventuell nützlich zu sein, das reichte mir nicht.

Aber was hat mich nun überzeugt? Neutral formuliert waren es die neuen Kommunikationsmöglichkeiten.

Ein guter Freund hat sich beklagt, dass ich nur per SMS erreichbar bin, nicht per Messenger. Ich habe ihn gefragt, wie viel ihn die paar Nach­richten pro Monat denn kosten würden, wo man doch SMS heut­zu­tage bei Handy-Verträgen hinterhergeschmissen bekommt (eben weil sie immer weniger ver­wen­det werden). Er wusste es nicht mal. Er fand SMS einfach zu um­ständ­lich. (Heute weiß ich, dass sich mit dem Pro­gramm zum SMS Versenden auf einem Smartphone auch nicht schwe­rer Nachrichten schreiben lässt als mit anderen Messen­gern.)

Eine Freundin, mit der ich auf Facebook schreibe, wollte ich in einer selbst auferlegten Facebook-freien Zeit auch erreichen. Ich habe ihr Mails geschrieben. Es ist nicht so, dass sie sie ihren Mailaccount nicht benutzen könnte, aber tatsächlich geschrieben hat sie trotz­dem praktisch nicht mehr.

Einen anderen Freund habe ich nach einigen nicht zustande­ge­kom­menen Verabredungen gefragt, ob er sich eher mal ge­mel­det hätte, wenn ich WhatsApp hätte. Er hat zwar nicht ja, aber halt auch nicht nein gesagt.

Ich habe angefangen, mich zu fühlen, wie es in diesem bezeichnenden Kommentar zum Ausdruck kommt: Man hat zunehmend den Ein­druck, dass die anderen verlernen, mit einem mit den zahlreichen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten (Sprechen, Anrufen, Anruf­be­ant­worter, E-Mail, Face­book, …) tatsächlich zu kommunizieren. Bist du nicht bei WhatsApp, bekommst du im Zweifel halt keine Nach­richt. Ein Kol­le­ge sagte das auch ausdrücklich, als ich ihm gesagt habe, dass ich kein Smartphone habe: Ich würde mich also selbst gesell­schaft­lich iso­lie­ren.

Auch die Gruppenkommunikation wird zunehmend über WhatsApp betrieben. Als meine tollste Frau vonne Welt mit ihrer Wei­ter­bildung angefangen hat, wurde sofort eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Sie kann daran nicht teilnehmen. Ob nun eine Stunde oder eine Prüfung verlegt wurde, erfährt sie häufig nicht. Fotos von Unter­richts­mate­ri­a­lien kommen bei ihr nicht an. Verabredungen zum Lernen gehen an ihr vorbei. Und mein Lieblings-Radiomoderator, Tommy Wosch, er­zählte neulich von der WhatsApp-Gruppe, die die Eltern der Klasse seiner Tochter verbindet. Auch da wären meine Frau und ich außen vor.

Der Tropfen zum Fassüberlauf war dann, als eine ältere Dame in  der S-Bahn ihrer Begleiterin erzählt hat, dass ihr Smartphone kaputt­gegangen ist. Sie schob gleich nach, dass sie sich direkt Ersatz be­schaf­fen werde – die Leute hätten ja verlernt, ohne Smartphone zu kommunizieren. Ja, das Gefühl habe ich auch. Ich habe mir nun eins gekauft.

… aber ein bisschen schade ist es schon um den Sonderstatus als Smartphone-„Verweigerer“. Aber meine tollste Frau vonne Welt hat ihn noch.

Nachtrag: Zur Auswahl und zur Anwendung.

5 Gedanken zu „Warum ich… nun auch ein Smartphone habe“

  1. Ich habe und will kein mobiles Teil, auch kein Handy – der Laptop bleibt stationär zuhause. Es ist unendlich mühsam geworden, den Leuten zu erklären, dass Züge Verspätung haben können, aber dass es durch einen Anruf ja auch nicht schneller gehen würde und man eh nicht wüsste, wie lang der Aufschub dauert. Man wird längst diskriminiert, indem man etwa oftmals kein Online-Konto eröffnen kann und horrende Gebühren für Papierrechnungen berappen muss (aber das ist noch lange billiger als ein Smartphone). Lieber kaufe ich mir von dem Geld ungefähr 100 Taschenbücher… Ein Botschaftsangestellter hat mir an der Eingangskontrolle einmal eine Tasche aufgeschnitten, weil er nicht glaubte, dass es wirklich Leute ohne so ein Teil gibt. Manche gurken einen auch an, man solle doch googeln, wenn man eine Frage stellt oder nach dem Weg fragt.
    Ich bleibe stur bei meiner alten Konzentration (nutze keine social media und checke Mails 2-3x täglich, nicht am Wochenende, nicht im Urlaub), denn als Geistesarbeiter bin ich auf die Erhaltung meiner Intelligenz angewiesen. Auch auf dem einst selbstverständlichen Anstand bestehe ich. Wenn jemand mir gegenübersitzt und seinen Hirnersatz eingeschaltet vor sich auf den Tisch legt, oder plötzlich mit der Luft redet statt mit mir, stehe ich auf und gehe.
    Entweder wird uns das Deppenphone demnächst von oben obligatorisch aufgezwungen zur besseren Überwachung und Manipulation, oder die Menschheit erholt sich bald von diesem grotesken Unsinn.
    Ja, schon schade, dass wir immer weniger werden, inzwischen bräuchten wir eigentlich schon schier eine Lobby. Aber jeder muss selber wissen, wieviel Quatsch er erträgt.

  2. Ich habe Ihre zwei Posts zum Thema gelesen und finde es schade, dass Sie schließlich „aufgegeben“ haben. Weil ich Angst habe, dass es mir bald ebenso gehen wird, obwohl ich immer wieder denke, dass ich kein Smartphone brauche. Mit meinem Nokia-Klapphandy kann ich online gehen, wenn ich unterwegs wirklich unbedingt ein Fußballergebnis oder andere Info brauche (und wenn ich mich irgendwo nicht auskenne, nehme ich einen Stadtplan mit oder achte auf öffentliche Wegweiser/Straßenschilder). Aber es ist scheinbar wirklich so, dass man sich damit sozial isoliert, speziell in meiner Altersgruppe (ich bin 28). Auch wenn ich ohnehin nur wenige Freunde habe und mit diesen bislang ganz gut über Facebook oder E-Mail kommunizieren konnte, erleichtert es nicht das Knüpfen neuer Freundschaften, wenn man kein WhatsApp hat. Gerade das Organisieren von Gruppenaktivitäten läuft heutzutage nur noch darüber. Aber ich will nicht zu dieser Masse von Leuten gehören, die nur noch auf ihr Handy starren und sich wie amputiert fühlen, wenn sie es vergessen haben. Außerdem bin ich der Ansicht, dass die meisten viel zu viel Zeit mit irgendwelchen Apps und Spielen verbringen und nicht einmal eine Minute (z. B. während des Wartens auf die Bahn) ohne etwas zu tun aushalten, beängstigend. Also mal sehen, wie lange ich noch der Exot ohne Smartphone bleibe.

    1. Eigentlich hat man es ja selbst in der Hand, wie man dann mit dem Smartphone umgeht. Ich ertappe mich aber auch dabei, dass ich in Bus und Bahn oder auch zu Fuß noch aufs Smartphone schaue, obwohl ich zu Hause einen PC habe und auf der Arbeit auch mal ins Netz kucken kann. Also… die Sorge ist vielleicht nicht unbegründet. Heute hab ich in der S-Bahn, ein (Papier-)Magazin lesend, zwischen zwei Zeitungslesern gesessen. Aber das ist mir natürlich auch nur aufgefallen, weil es die Ausnahme ist. Es hilft einem allerdings auch nicht weiter, eisern zu bleiben, wenn man wirklich merkt, dass es sich negativ auf das Sozialleben auswirkt. Sozialleben ist wichtig. PS: Dein Kommentar war leider im Spamverdachtsordner gelandet.

  3. Ich habe mir vor einem Jahr dann auch mal ein Smartphone zugelegt (das billigste, was ich kriegen konnte ;)). Um Internetzugang (unterwegs – zu Hause komme ich schon ins Netz, schalte das WLAN aber nur so einmal monatlich an …) habe ich mich allerdings bis heute nicht gekümmert, war mir wohl nicht so wichtig – die Kamera hab ich aber schon ein-, zweimal genutzt.

    Was mich wirklich nervt: Ich organisiere ab und an kleine Veranstaltungen. Früher habe ich für Terminankündigungen eine Mail rumgeschickt und alle erreicht (Telefonieren hasse ich, daher halte ich Mails für einen Segen ;)). Heute schicke ich den einen den Newsletter per Mail, den anderen eine SMS, wieder anderen eine WhatsApp-Nachricht, andere boykottieren WhatsApp inzwischen und bevorzugen andere Messenger, ganz andere erreicht man nur per Telefon, für manche schauen nur ins Forum der Veranstaltung …
    Wenn wenigstens ALLE nur noch per WhatsApp kommunizieren würden, könnte ich damit ja noch leben, aber wenn gefühlt jeder einzelne im Freundes- und Bekanntenkreis eine andere Kommunikationsart bevorzugt (und die anderen Arten ignoriert!), wirds echt stressig.

    Interessant finde ich übrigens, dass viele Leute offenbar das Smartphone als einzigen Internetzugang nutzen und kaum noch den PC/Laptop. Ich meine, das ist doch unpraktisch, so ein kleiner Bildschirm und so eine winzige Tastatur! Für unterwegs, meinetwegen, aber zu Hause? Na ja, ich muss ja nicht alles verstehen …

    1. Ja, Kommunizieren ist mit den neuen Techniken nicht gerade übersichtlicher geworden. In meiner Kindheit hätten unsere Eltern eine Telefonkette gemacht. Heutzutage… Als ich (per SMS) mitgeteilt habe, dass ich nun auch ein Smartphone und dazu eine neue Nummer habe, hatte ich dazugeschrieben: „Wer sich über die Widrigkeiten moderner Kommunikation (oder etwas Anderes) austauschen will, kann das jetzt auch mit den Messengern Signal, Telegram und Whatsapp tun“. (Threema wollte ich nicht auch noch installieren…)

      Das Smartphone als Zugangsgerät zum Internet ist noch eine ganz andere Geschichte. Ich bin überzeugt davon, dass wir in zehn Jahren über diese Geräte lachen werden – viel zu groß für ein Telefon, viel zu kleiner Bildschirm für’s Internet. Man bräuchte etwas zum Aufrollen, oder eine Brille, oder direkt auf die Netzhaut strahlen. Jedenfalls ein kleines Gerät mit viel Sicht-Fläche. So ist das alles noch ein fauler Kompromiss.

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